Das Blaue Gold: Beeindruckende Dimensionen

Unser Schiefer – das Blaue Gold: Beeindruckende Dimensionen


Wir sprachen mit Werner Liebeskind über das Blaue Gold. Er ist einer der letzten ortsansässigen Experten, der selbst Verantwortung in der Schieferproduktion trug. Der gelernte Bergmann und Ingenieur für Bergbau berichtet über die Geschichte und Bedeutung des Schiefers  in unserer Region. 

Kevin T. Fischer: Für viele Menschen ist Schiefer, das Blaue Gold, ein relativ unbekanntes Material, bestenfalls als Mittel zur Dacheindeckung bekannt. Was fasziniert Sie an diesem Material?

Werner Liebeskind: Zum Schiefer habe ich natürlich als alter Bergmann, der jahrzehntelang mit diesem Gestein arbeitete, eine enge Beziehung voller Erinnerungen. Einerseits begeistert mich der technische Aspekt, andererseits die historische Bedeutung des Schiefers für unsere Region, die heutzutage sehr oft verkannt, wenn nicht gar vergessen wird.


Können Sie uns eine Vorstellung der Ausmaße geben?

So wie andere Regionen Deutschlands beispielsweise vom Kohlebergbau geprägt sind, so wirkte der Schieferbergbau intensiv auf unsere Region über hunderte von Jahren. Die Größendimensionen und die Wichtigkeit, mit der dies geschah, sind heute für den Laien nur schwer erkenn- und einordenbar.
Die Dimensionen sind beeindruckend. Immerhin hatten wir hier die größten Schiefertagebaue des europäischen Kontinents. Die Brüche gehörten zu den größten Arbeitgebern der Region. Zur Hochzeit wirkten nur in den Brüchen der Firma Oertel um die 900 Arbeiter. Damit war das Unternehmen von der Arbeiterzahl her doppelt so groß angelegt, wie die großen Porzellanfabriken der damaligen Zeit. Zeitweise entstammten 40 Prozent der deutschen Jahresschieferproduktion unserer Region. 
Diese Wirtschaftskraft und Bedeutung machten z.B. Karl Oertel zu einer der politisch einflussreichsten Persönlichkeiten im Herzogtum Sachsen-Meiningen. Nicht umsonst trug er den Titel „Geheimer Kommerzienrat“.
Aber um sich ein realistisches Bild zu verschaffen, darf man nicht nur die Brüche als schiere Arbeitsstätten sehen. Erst aus der Berücksichtigung der umgebenden Infrastruktur heraus, angefangen von Bahnstrecken, Gebäuden und eben auch angeschlossenen Gewerken wie zum Beispiel dem Transportgewerbe, lässt sich ein angemessenes Bild zeichnen.
Hinzu kommen natürlich auch die herausragenden Eigenschaften des Lehestener Schiefers, die von aller Fachwelt anerkannt werden und die eigentliche Grundlage für die Erfolgsgeschichte des „Blauen Goldes“ sind.


Werfen wir zunächst ein Licht auf die technischen Aspekte des Schiefers. Was ist das Besondere am Schiefer im Allgemeinen?

Nun, Schiefer, das Blaue Gold, ist mit einfachen technischen Mitteln bearbeitbar. Das ist ein großer Vorteil, zumal, wenn man bedenkt, dass ein gezielter Abbau bereits seit dem 13. Jahrhundert belegt ist. Damals gab es noch keine Maschinen, aber natürlich Hammer und Meißel. Und allzu viel mehr braucht man eigentlich auch nicht, um die herausragendste Eigenschaft des Schiefers, nämlich seine ausgeprägte Parallelspaltigkeit, zu nutzen. Diese wurzelt in der natürlichen Gegebenheit des Schiefers mit sehr vielen Glimmerschichten durchzogen zu sein. Auf nur einen Millimeter Gesteinsdicke kommen 80 bis 100 solcher Schichten. Das ist so gut wie einmalig.
Interessant ist die Frage, wie die Menschen diese besondere Eigenschaft erkannten. Es wird angenommen, dass Schiefervorkommen, die bis knapp unter die Oberfläche reichten, durch umstürzende Bäume freigelegt wurden. Vermutlich hat man dann erkannt, dass sich das Material sehr gut bearbeiten und eben auch spalten lässt. Es dürfte dann nicht lange gedauert haben, bis unsere Vorfahren die Vorzüge der enormen Wetterfestigkeit des Schiefers feststellten. Jene beruht eben auf den unzähligen Glimmerschichten, die verhindern, das Wasser weit ins Gestein eindringt, welches im Winter zu Eis gefriert, sich ausdehnt und dabei natürlich Schäden anrichtet. Diese Wetterbeständigkeit ist beim Schiefer derart hoch ausgeprägt, dass ein Schieferdach oder eine Schieferfassade etwa 100 Jahre halten. Doch danach ist der Schiefer nicht kaputt. Vielmehr sind es die Nägel, welche erneuert werden müssen. Schieferdecker sagen, wenn ein Schiefer nach dem Abnehmen noch klingt, hält er getrost nochmals 100 Jahre. 
Schlägt man einen Schiefer nämlich an, entsteht ein typischer Ton, an dem der Fachmann erkennt, ob der Schiefer intakt oder beschädigt ist.
Es ist dokumentiert, dass manche Schieferdächer, wie auf der Feste Heldburg, über 300 Jahre zuverlässig der Witterung trotzten. Dies lässt sich aufgrund einer Tradition der Lehestener Schieferdecker belegen. Es war und ist nämlich üblich, dass der Schieferdecker einen bestimmten Stein auf dem Dach mit Angaben zum Jahr der Eindeckung, des verwendeten Materials und seinem Namen zeichnet.


Was ist das Besondere am Blauen Gold – dem Lehestener Schiefer?

Den Lehestener Schiefer zeichnet vor allem seine gleichmäßige bläuliche Farbgebung aus. Darin wurzelt ja auch die Bezeichnung „Blaues Gold“. Diese Gleichmäßigkeit und große Farbstabilität, abgesehen von einer überschaubaren Abdunkelung, prägen noch heute die Lehestener Dachlandschaft.
Der Lehestener Schiefer ist besonders gut spalt- und verarbeitbar. Die Löcher für die Nägel werden eingeschlagen und müssen nicht, wie bei härteren Schiefern, gebohrt werden. Das erleichtert dem Schieferdecker auf dem Dach die Arbeit, denn viel Werkzeug benötigt er hier nicht. Hammer, Nägel und seine Brücke, die ihm beim Zurechthauen und Anpassen der Steine als Auflage dient, reichen für die anspruchsvolle Arbeit aus.
Der Lehestener Schiefer hat zudem eine gewisse Elastizität, was ja gerade im Winter, bei hohen Schneelasten, von hervorzuhebender Wichtigkeit ist.
Was fasziniert Sie neben den technischen Aspekten?
Neben der Historie und den technischen Hintergründen sind es aber auch viele Erinnerungen, Kuriositäten und die Geschichten um die Menschen, welche mich auch nach all den Jahren immer wieder auf´s Neue begeistern. So sind 1829/1830 Lehestener Fuhrleute in einem strengen Winter mit Schlitten über die zugefrorenen Flüsse drei Mal bis in den Hamburger Hafen gefahren. Ihre Ware waren Schiefertafeln, die von Hamburg aus verschifft wurden. Eine beeindruckende Leistung.
Eine andere Geschichte spielt auf dem Gelände des Staatsbruches. An einem Verwaltungsgebäude wurde in die Schiefer-Fassade figürlich der Thüringer Löwe eingedeckt. Das geschah vermutlich in den 20iger-Jahren. In den Zeiten des Nationalsozialismus wurde diesem dann später ein Hakenkreuz in die Pranke gelegt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war ein solches Motiv natürlich tabu, also deckte man kurzerhand einen Schiefer mit Schlägel und Eisen darüber. Über die Zeit hinweg war dieser natürlich der Witterung ausgesetzt und so kam es wie es kommen musste: Die Abdeckung fiel herunter und zu aller Überraschung war nun wieder der Thüringer Löwe mit Hakenkreuz zu sehen – ein absoluter Affront im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Ein mächtiges Theater war die Folge.
Aber auch aus dem Umfeld gibt es allerlei zu berichten. Ein Zeitzeuge erzählte mir diese Geschichte: Als die V2-Aggregate im Oertelsbruch getestet wurden, hat sich Folgendes ereignet: Als Treibstoff wurde Alkohol und Sauerstoff verwendet. Ersterer wurde in Kesselwagen angeliefert und von russischen Wachleuten im Rehbachsstolln gesichert. Die Kesselwagen mussten natürlich gewartet und teilweise repariert werden. Die Arbeit wurde von Schlossern erledigt, welche natürlich gerade in diesen mageren Zeiten großes Interesse am Alkohol hatten. Um diesen an den Wachleuten vorbei zu schmuggeln, erzählten sie jenen, dass man aus Sicherheitsgründen ein spezielles Löschmittel benötigen würde, falls es zu einem Feuer kommen sollte. Das leuchtete den Wachleuten ein. Und so spazierten die Schlosser täglich mit diesem speziellen Löschmittel zu Schichtbeginn zu ihrer Arbeitsstelle. In dem Eimer war jedoch nur normales Wasser. Das wurde in einem unbeobachteten Moment weggekippt. Der Eimer wurde anschließend mit Alkohol gefüllt. Da es natürlich nicht gebrannt hatte, marschierten die Schlosser mit dem nicht benötigten Speziallöschmittel zum Schichtende in den wohl verdienten Feierabend. Die Eimer waren natürlich noch voll. Nur einen kleinen Unterschied gab es: Statt Wasser war nun Alkohol drin. Dieser musste aber noch weiter destilliert werden. Die notwendige Destillieranlage steuerte ein Schmiedebacher Kupferschmied bei.

Der gelernte Bergmann Werner Liebeskind demonstriert die Spaltbarkeit des Schiefers.

Werner Liebeskind demonstriert die Arbeit des traditionellen Schieferwerkers. Zu sehen ist ein Teil der technischen Ausrüstung und Werkzeuge wie Spaltkasten, Spaltklotz, Spaltmeißel und Spaltschlauder sowie Rohstein als Ausgangsmaterial. Der ehemalige Bergmann trägt zum Schutz das klassische Spaltleder – eine robuste Lederschürze.

Welche historischen und wirtschaftlichen Entwicklungen waren denn neben den besonderen Eigenschaften des Schiefers für die positive Entwicklung der Schieferindustrie verantwortlich?

Hier muss man natürlich die Gründung des Deutschen Zollvereines nennen. Die Vereinheitlichung der Maße und Gewichte war – nicht nur für die Schieferindustrie – ein wesentlicher Beschleuniger. Der Einsatz der Dampfkraft und das daraus abgeleitete Bahnnetz vereinfachten den schwierigen Transport des Schiefers erheblich. Im Abbau kam es zum Einsatz maschinisierter Schrämmtechnik. Die Stoßschrämmmaschinen lösten die kräftezehrende Handarbeit in diesem Bereich ab. Hinzu kamen aber auch gesellschaftliche Reformen wie die straffe Durchsetzung der Schulpflicht in Verbindung mit dem flächendeckenden Einsatz von Schiefertafeln. Es wurden zudem neue Brandschutzvorschriften durchgesetzt. Dächer durften nur noch mit nicht brennbarem Material eingedeckt werden. Der Schiefer war dafür natürlich prädestiniert. Ferner führte die Einführung des Stahlseils im Bergbau zu großen Veränderungen.


Die Geschichte des Schiefers in Lehesten und Umgebung ist, was das 19. und 20. Jahrhundert betrifft, eng verbunden mit der Familie Oertel. Noch heute bestehen gute Verbindungen zu den Nachfahren. Neben den geschäftlichen Erfolgen gründet der immer noch vorhandene Respekt auf dem sozialen Engagement, insbesondere von Karl Oertel. Was war er für ein Mensch?

Karl Oertel, der ja bereits 1903 verstarb, war eine beeindruckende Persönlichkeit. Er trug Sorge für die Region. Es ist überliefert, dass er ein großes Interesse an einer guten Beziehung zu seiner Belegschaft hatte. Dabei war er selbst als sehr fleißig, hilfsbereit und engagiert bekannt. Für die Probleme seiner Arbeiter hatte er stets ein offenes Ohr. Sein hohes Verantwortungsgefühl belegt die Einrichtung einer Bibliothek, einem eigenen Krankenhaus und einer den Oertelsbrüchen angeschlossenen Schule. Für die Versorgung seiner Arbeiter errichtete er eine eigene Ökonomie. Hier wurde Landwirtschaft betrieben, Brot gebacken, Lebensmittel hergestellt und sogar Bier gebraut. Diese konnten unter anderem mit selbst aufgelegtem Betriebsgeld erworben werden. Darauf stand dann „Für ein Bier“, „Für ein Brot“ oder „Für eine Fuhre Baumaterial“.
Man muss sich ja vor Augen halten, dass die Arbeiter teilweise einen Fußweg von 12 Stunden zu den Brüchen hatten. Die Woche über haben sie dann in den für sie errichteten Unterkünften gelebt. Für die Arbeiter errichtete er ein Badehaus, das natürlich auch den Menschen aus der Umgebung zur Verfügung stand. Den umliegenden Gemeinden zeigte er sich wohlgesonnen, indem er Spenden für die Errichtung der Lehestener Schule und dem Krankenhaus tätigte. In den Tagebüchern seines Vaters Ernst ist ersichtlich, dass dieser sehr zufrieden mit dem Wirken seines Sohnes war. Dieses Engagement eines Unternehmers für seine Umgebung und die darin lebenden Menschen ist heute nicht mehr allzu oft zu sehen.


Der Oertelsbruch wurde 1943 von der SS-Verwaltung übernommen und nach dem Ende des Krieges dem Eigentum des Volkes zugeführt. Zu kommunistischen Zeiten war die Familie Oertel dann als vermeintliche „Ausbeuter- und Kapitalistenfamilie“ in Ungnade gefallen. Wie blicken Sie darauf zurück?

Der Familie tat man natürlich Unrecht. Neben den zahlreichen schriftlichen Belegen des sozialen Engagements sind das Ansehen und der Respekt vor allem älterer Lehestener der Familie Oertel gegenüber das wohl wichtigste Gegenargument. Zum 100. Geburtstag von Karl Oertel gab es in Lehesten ein großes Volksfest, um diesem Mann zu gedenken. Das sagt eigentlich schon alles.
Seine monumentale Grabstätte, die der Künstler Hermann Obrist gestaltete, können interessierte Besucher heute auf dem Friedhof im Schieferdorf Schmiedebach besuchen. Anschließend empfiehlt sich ein Gang in das sehenswerte Schmiedebacher Schiefermuseum.

Herr Liebeskind, welche Sehenswürdigkeiten und Attraktionen können Sie dem interessierten Besucher außerdem nahe legen?

Die Berg- und Schieferstadt Lehesten ist ein guter zentraler Ausgangspunkt um sich mit der Thematik des Schiefers zu beschäftigen. Hier finden Sie neben der ältesten deutschen Dachdecker-Meisterschule, der Dachdeckerschule Lehesten, das Technische Denkmal „Historischer Schieferbergbau Lehesten“ mit der in Europa wohl einmaligen am Originalstandort erhaltenen Göpelförderschachtanlage. 
Als Besucher können Sie in der Spalthütte selbst Hand am Schiefer anlegen und Ihr persönliches Souvenir gestalten. Fachkundige Führer begleiten Sie durch das Gelände. Vor allem kann man hier die Entwicklung der Fördertechniken hautnah erleben: Von der Kraft des Menschen führt die Entwicklung über den Einsatz von Tieren zur Dampfkraft bis hin zur Elektrizität. Immer wieder begeistert das Zwergendorf, welches das handwerkliche Vermögen der Schieferdecker präsentiert.
 Eingebettet ist die Anlage in das Areal des alten Staatsbruches, welcher heute ein besonderes Naturschutzgebiet (Flora Fauna Habitat, kurz FFH Gebiet) ist. Hier gibt es einen lohnenswerten Rundwanderweg. Im Areal des Staatsbruches finden Sie Hotel- und Gastronomiebetrieb. 
Das Umfeld des Oertelsbruches kann man in Schmiedebach erkunden. Hier erhält man auch einen Einblick in die dunkle Geschichte während der NS-Zeit. Die KZ-Gedenkstätte „Laura“ erinnert an das Schicksal der im „Fröhlichen Tal“ internierten Häftlinge. 
Mit dem Fahrzeug bequem erreichbar ist zudem das Schiefermuseum in Ludwigsstadt. Im Fokus steht hier die Geschichte um die Schiefertafel.

Das Interview erschien im Schiefer-Reich Magazin 2016. 

Text und Bildmaterial sind Urheberrechtlich geschützt. Copyright by Kevin T. Fischer. Jegliche Vervielfältigung ohne schriftliche Erlaubnis des Urhebers ist untersagt.

Comments are closed.

Diese Website verwendet Cookies. Diese ermöglichen uns diese Website kontinuierlich zu verbessern und optimal zu gestalten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Mehr Informationen findest Du unter Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen